Bei YouTube und Pinterest bin ich in letzter Zeit immer wieder auf Neurographisches Malen gestoßen. Die Methode basiert auf der von Pavel Piskarev entwickelten Neurographik. Natürlich war ich neugierig und musste der Sache auf den Grund gehen. Und – natürlich musste ich es auch ausprobieren, denn die Bilder, die ich gesehen habe, gefallen mir sehr gut.
Inhalt
Allerdings habe ich einfach nur versucht, ein Bild zu malen. Das ist aber nicht der Sinn vom neurographischen Malen. Denn die Neurographik soll nicht nur die Kreativität fördern, sondern auch tiefe Einblicke in unser Unterbewusstsein ermöglichen. Sie kombiniert nach Angaben ihres Gründers die Prinzipien des Zeichnens und Malens mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über das Gehirn und die Wirkung von Kunst auf unsere Psyche. Ob das tatsächlich so ist? Ich weiß es nicht. Aber ich denke wie so oft: Wenn es hilft, ist es gut. Wenn nicht, hat es wenigstens Spaß gemacht.
Aber was genau ist Neurographisches Malen?
Die Neurographik wird oft als eine Transformationsmethode beschrieben, mit der man versucht, persönliche Themen oder Blockaden zeichnerisch zu bearbeiten. Die Grundlage dafür bildet die Vorstellung, dass unser Gehirn in Bildern denkt und Informationen verarbeitet.
Durch den gezielten Einsatz von Linien, Formen und Farben soll man auf tiefere Ebenen des Unterbewusstseins zugreifen und sich mit dem inneren Selbst verbinden können. Die Idee dahinter: Während man sich voll und ganz auf den Prozess konzentriert, löst man sich vom bewussten Verstand und gleitet in einen meditativen Zustand – eine Art ‚Flow‘, der einen tieferen Zugang zur eigenen Innenwelt ermöglichen soll.“
Ziele der Neurografik
Ein wesentliches Ziel des neurographischen Zeichnens ist es, belastende Gedanken und Gefühle sichtbar zu machen und zu wandeln. Dabei werden negative Emotionen zunächst in Form von Linien und Flächen auf das Papier gebracht. Durch den anschließenden Prozess des Abrundens und Gestaltens wird eine neue Perspektive geschaffen, die dabei helfen kann, emotionale Spannungen zu lockern.
Ein weiteres Ziel ist die Arbeit an eigenen Wünschen und Plänen. Das neurographische Malen kann dazu einladen, sich selbst und die eigenen Ressourcen besser kennenzulernen. Während man zeichnet, entdeckt man oft verborgene Fähigkeiten oder neue Lösungsansätze für Herausforderungen. Es ist also eine Art kreatives Werkzeug zur Selbsterforschung.
Wer nicht mit einem leeren Blatt anfangen möchte, kann auch mit Vorlagen arbeiten – dann handelt es sich aber definitiv nicht mehr um Neurographik. Das Buch „Neurodings zeichnen“ richtet sich an alle, die lieber vorhandene Linienbilder ausmalen oder weitergestalten, statt jedes Bild komplett frei aufzubauen. Für den Einstieg kann das hilfreich sein, weil man sich zuerst auf Farben, Rundungen und Flächen konzentrieren kann.
Vorteile des neurographischen Malens
Die regelmäßige Beschäftigung mit dieser Methode kann verschiedene positive Effekte auf unser Wohlbefinden haben:
Persönliche Entwicklung: Da es kein „Richtig“ oder „Falsch“ gibt, fördert die Methode das Vertrauen in die eigene Intuition. Man lernt, sich selbst besser wahrzunehmen, innere Blockaden spielerisch zu betrachten und neue Wege zur persönlichen Entfaltung zu entdecken.
Stressabbau: Das bewusste Ziehen der Linien und das anschließende Abrunden wirken wie eine grafische Meditation. Es ist eine wunderbar entspannende Tätigkeit, die dabei helfen kann, das Nervensystem zu beruhigen und den Alltag für einen Moment auszusperren.
Mentale Balance: Anstatt belastende Gedanken zu verdrängen, gibt man ihnen auf dem Papier Raum. Viele Anwender berichten, dass sie sich durch das „Abarbeiten“ der Linien emotional entlastet fühlen und eine innere Klarheit finden, die das allgemeine Wohlbefinden steigert.
Neuro-Ästhetik: Mein Weg zum Bild (ohne Tiefenpsychologie)
Ganz ehrlich? Als ich die ersten Bilder im Stil der Neurographik sah, war ich sofort fasziniert von der Optik. Mir persönlich geht es dabei aber weniger um die psychologischen Hintergründe oder die „Auflösung von Blockaden“. Mich hat einfach die Ästhetik gereizt – diese organischen Linien und harmonischen Formen. Ich wollte wissen: Kann ich so ein schönes Bild malen, auch wenn ich das ganze „Prinzip dahinter“ beiseite lasse?
Ich habe es ausprobiert und zeige euch hier Schritt für Schritt, wie ich zu meinem Ergebnis gekommen bin.
Schritt 1: Das Chaos auf Papier bringen
Zuerst habe ich mir ein Blatt Papier und einen Bleistift geschnappt. Ohne viel nachzudenken, habe ich eine Handvoll freier, geschwungener Linien über das Blatt gezogen. Manche nennen sie „bionische Linien“, weil sie an Strukturen aus der Natur erinnern – wie Flussläufe oder Astgabeln. Hauptsache, sie fließen und sind nicht schnurgerade.
Anschließend habe ich die Linien mit einem schwarzen Stift nachgezeichnet.
Schritt 2: Die „Magic“ – Das Abrunden
Das ist der Teil, der den Look ausmacht. Überall dort, wo sich Linien kreuzen, entstehen harte Ecken. Ich habe diese Kreuzungen mit dem Stift weich abgerundet.
Anschließend habe ich die kleinen Flächen mit Schwarz ausgefüllt.
Plötzlich wirkt das Chaos wie ein zusammenhängendes, organisches Netz. Es ist eine fast schon meditative Arbeit, die Ecken glattzubügeln.
Schritt 3: Farbe für die Tiefe
Zum Schluss kamen meine Buntstifte zum Einsatz. Ich habe die entstandenen Felder nach Lust und Laune ausgemalt.
Neurografik als Suchbegriff: Ideen für freie Linienbilder
Wenn du nach Neurografik suchst, findest du viele Bilder mit geschwungenen Linien, abgerundeten Kreuzungen und farbigen Flächen. Genau dieser Stil lässt sich auch frei ausprobieren, ohne dass daraus automatisch eine Arbeit nach der offiziellen Methode NeuroGraphica® wird. Die folgenden Ideen sind deshalb keine Anleitung zur geschützten Methode und keine therapeutische Übung. Es sind einfache kreative Anregungen, wenn du mit Linien, Rundungen und Farben arbeiten möchtest.
Alltagsgedanke: Zeichne freie Linien auf ein Blatt Papier, ohne vorher ein fertiges Motiv zu planen. Du kannst dabei an etwas denken, das dich gerade beschäftigt, musst es aber nicht. Runde anschließend die Kreuzungen und Berührungspunkte ab und male einzelne Flächen aus. Beobachte einfach, ob dir das Zeichnen guttut oder ob dir bestimmte Farben besonders gefallen.
Wunsch oder Vorhaben: Du kannst auch ein Ziel, einen Wunsch oder ein Vorhaben als Ausgangspunkt nehmen. Zeichne dazu Linien, Kreise oder andere einfache Formen und verbinde sie zu einem Bild. Beim Ausmalen kannst du Farben wählen, die für dich angenehm wirken. Es geht dabei nicht darum, sicher etwas zu lösen oder zu verändern, sondern um eine kreative Beschäftigung mit einem Thema.
Stimmung und Farben: Auch deine aktuelle Stimmung kann ein Ausgangspunkt für ein Linienbild sein. Wähle Farben, die zu deiner Stimmung passen, oder nimm bewusst Farben, die du gerade gerne anschauen möchtest. Das Bild muss nichts erklären und nichts beweisen. Es darf einfach ein persönliches Linienbild werden, das optisch an Neurografik erinnert, ohne eine offizielle neurografische Arbeit zu sein.
Mein Fazit
Ich bin mir nach meiner Recherche nicht sicher, was ich von Neurografik halten soll. Die Bilder gefallen mir oft sehr gut. Mit den Versprechen, die rund um die Methode gemacht werden, tue ich mich deutlich schwerer.
Bei meiner Suche bin ich nicht nur auf Zeichenbeispiele gestoßen, sondern auch auf viele Videos und Kursangebote, in denen Neurografik mit Begriffen wie Transformation, Heilung, Unterbewusstsein oder innerer Veränderung verbunden wird. Einige Anbieterinnen und Anbieter, die Inhalte zu diesem Thema veröffentlichen, bezeichnen sich selbst als Geistheiler, Schamanen oder arbeiten sichtbar in einem esoterischen Umfeld. Das ist keine Unterstellung, sondern eine Beobachtung aus meiner Recherche. Für mich persönlich macht es die Methode dadurch nicht überzeugender.
Wichtig ist außerdem: Nach allem, was ich gefunden habe, ist Neurografik keine wissenschaftlich anerkannte therapeutische Methode. Es gibt zwar viele Aussagen darüber, was sie angeblich bewirken soll, aber solche Aussagen sind für mich nicht dasselbe wie ein belastbarer wissenschaftlicher Nachweis. Dazu kommt, dass NeuroGraphica® als geschützte Methode mit Kursen, Zertifizierungen und entsprechenden Angeboten vermarktet wird. Auch das ist erst einmal nicht verboten. Man sollte es nur wissen, bevor man die Neurografik mit einer neutralen Methode verwechselt.
Wenn ich die ganzen Wirkversprechen ausblende, bleibt für mich trotzdem etwas übrig: der Zeichenstil. Geschwungene Linien, abgerundete Kreuzungen und farbige Flächen können sehr schöne Bilder ergeben. Viele Arbeiten, die ich gesehen habe, wurden mit anderen Mal- und Zeichentechniken kombiniert, und genau dieser kreative Teil gefällt mir richtig gut.
Ich werde also weiter Bilder malen, die optisch an Neurografik erinnern. Ob ich das dann für mich Neurografik nenne, ist eine andere Frage. Einen Kurs für knapp 300 Euro oder mehr werde ich dafür jedenfalls nicht buchen. Für mich reicht Papier, Stift, Farbe und die Freiheit, daraus einfach ein Bild zu machen. Und wenn die Neurografik jemandem hilft, ist es gut. Wenn nicht, hat es wenigstens Spaß gemacht.
Noch mehr Linien, Formen und runde Flächen
Wenn du mehr über neurographische Zeichnungen wissen möchtest, lohnt sich ein Blick in den Lexikonartikel im Bastellexikon.
Du kannst dich dem neurografischen Zeichnen auch mit Malvorlagen annähern, indem du vorhandene Linien, Formen oder Muster als Ausgangspunkt nimmst und sie mit zusätzlichen Rundungen, freien Linien und Farbflächen weitergestaltest.
Wenn dir vor allem das meditative Zeichnen, Ausmalen und Gestalten mit wiederkehrenden Formen gefällt, könnten auch Mandalas etwas für dich sein. Sie kommen ohne große Wirkversprechen aus, lassen sich sehr frei gestalten und bieten ebenfalls viele Möglichkeiten, mit Linien, Mustern und Farben zu arbeiten.
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Hinweis: Einzelne Bilder in unseren Artikeln können mit Hilfe von KI erstellt worden sein.
Über die Autorin
Bastelfrau (Barbara)
Basteln begleitet mich seit meiner Kindheit. 1987 startete ich auf Kunsthandwerkermärkten, 1991 eröffnete ich den Laden Die Duft- und Malstube. Später gab ich große Bastelkurse auf Campingplätzen – teils mit über 100 Teilnehmer*innen – und erhielt den Namen Bastelfrau. Heute betreibe ich bastelfrau.de mit unabhängigen Anleitungen. Veröffentlicht habe ich zwei Kreativbücher beim Frech Verlag, ein Buch beim Christopherus Verlag und die Bastelzeitschrift Bastelfrau mit dem Verlag Kindermedien. Außerdem präsentierte ich Bastelideen in Volle Kanne Susanne (ZDF) und im Kinderkanal. Mehr erfährst du auf meiner „Über mich“-Seite.